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Model, Künstlerin und ihrer Zeit weit voraus

Die Ausstellung "Something other than either" im Kunstverein München beleuchtet die unterhaltsame Praxis der provokanten Copy-Art-Künstlerin Pati Hill (1921–2014).


"Der Himmel steht uns so offen wie ein großer Staubsauger", deklariert Pati Hill 1975 in ihrem illustrierten Gedichtband "Slave Days" so euphorisch wie sarkastisch, angesichts des begrenzten Entfaltungsspielraums von Frauen. Inmitten ihrer Schriftstellerkarriere beginnt Hill damals, mit dem Fotokopierer als künstlerisches Medium zu experimentieren. Das Vervielfältigungsgerät ist klassische Sekretärinnen-Domäne, aber immerhin eine Stufe über der Hausfrau. Während zeitgenössische Copy-Art-Künstlerinnen noch ihren eigenen Körper auf die kühle Glasplatte des Fotokopierers pressen, hat Hill objectification und den male gaze bereits hinter sich. 

Pati Hills Karriere verläuft serpentinenhaft vom Model über die Autorin bis zur Künstlerin. 1921 wird sie in Kentucky geboren, ihre Mutter lässt sich scheiden, als Pati gerade zehn ist. Mama zieht nach Virginia und schlägt sich alleinerziehende Mutter durch die Große Depression. Hill entwickelt eine akute Sensibilität gegenüber unersetzlichen, alltäglichen Objekten und den Nachteilen des Frauseins. Mitten im College reist sie nach New York, angeblich, um ein Jazz-Konzert zu besuchen. Sie kommt, lauscht und bleibt, zunächst in einem Obdachlosenheim. Auf der Straße wird sie als Model entdeckt. Nach einer Begegnung 1941 mit Carmel Snow wird aus dem Provinzmädchen mit den Zöpfen und den frechen Grübchen über Nacht das Covergirl der Harper's Bazaar

Anstatt die Füße artig hintereinander aufzureihen und unterwürfig in die Linsen der Fotografen zu blinzeln, posiert Hill breitbeinig, verweigert den Augenkontakt mit der Kamera und lacht stattdessen unerschrocken in ihre Zukunft. Fotostrecken in Elle, LIFE, Couture und unzähligen Hochglanzmagazinen folgen. Bei einem Shooting lernt Hill Diane Arbus kennen, und die beiden werden, kaum überraschend, Freundinnen. 


Die Nächte vertreibt sich Hill mit Ausgehen und Schreiben. Nachdem sie einen Kurzgeschichtenwettbewerb gewinnt, verfasst sie für The Paris Review und Seventeen Texte für junge Frauen, deren Zukünftige noch in den Zweiten Weltkrieg verstrickt sind. Darunter eine Kolumne, wie man sich als Single mit wenig Mitteln geschmackvoll einrichten kann. Tagsüber heiratet Hill Ehemann Nummer eins, lässt sich aber nach neun Monaten wieder scheiden, eine Fußnote.


1947 wird Hill vom Couturier Molyneux als Hausmodell nach Paris abgeworben. Die Künstlersalons nehmen die charismatische, schlagfertige Geschichtenerzählerin begeistert auf. George Plimpton, Chefredakteur der Paris Review, öffnet ihr die Türen zu Pablo Picasso, Henri Matisse und später Truman Capote, viele interviewt sie. Plimpton ist so angetan von ihrer Diskussionswut, dass er alles aus ihrer Feder druckt, und als es Hill einmal an Inspiration mangelt, eben einen Essay über Katzen, deren Eigensinn sie besonders beeindruckt.